Da geht noch was!

Über den Wahn der Selbstoptimierung

Jetzt bloß keine falsche Wahl treffen! Im Zweifel hilft eine App.
Jetzt bloß keine falsche Wahl treffen! Im Zweifel hilft eine App.

»An apple a day keeps the doctor away.« Was jahrzehntelang als Formel für ein gesundes Leben ausreichte, gilt heute als Anachronismus erster Güte. Heute überschütten uns Gesundheits-Dienstleister mit nützlichen Hinweisen und Tipps, wie unser Leben gesund, erfüllt und womöglich bald ewig verläuft – und zwar am liebsten per App. Installiert mit einem Tastendruck, erhalten wir weit mehr als nur Gesundheits- und Ernährungshinweise. Die digitalen Helferlein berechnen unseren Body-Mass-Index, eine Größe, ohne deren Kenntnis ein aufgeklärter Mensch im 21. Jahrhundert nicht leben kann. Sie begleiten uns auf dem Weg zum Idealgewicht, sensibilisieren uns für kalorienarme Ernährung und empfehlen tägliche Fitnessübungen. Sie motivieren uns sogar zum Nichtrauchen und dazu, die Abstinenz auch durchzuhalten. Es sind Anwendungen voller segensreicher Wirkungen, es ist die Rettung der Welt. Halleluja!

Warum wir lieber kleinen Apps als unserem gesunden Menschenverstand vertrauen,

ist dabei eine weithin verpönte Frage, voll analog, sozusagen. Es geht schließlich mehr noch als um unsere Gesundheit um den Erhalt unserer Leistungsfähigkeit, um wachsende Anforderungen in Beruf und Freizeit zu meistern, der Verdichtung des Alltags standzuhalten. Es geht um das wichtigste Projekt unserer Zeit: Die Optimierung unseres Selbst.

Fit durch Apps?
»Gesundheits-Apps« sammeln Daten über jede Körperfaser

Wo früher die Stoppuhr beim Joggen ausreichte, misst heute ein GPS-gesteuerter Trainingsbegleiter nicht nur Pulsfrequenz und Kalorienverbrauch, er speichert Durchschnittsgeschwindigkeit und geleistete Höhenmeter so genau, dass nach der Datensynchronisation mit dem PC beeindruckende Schaubilder der Laufleistung entstehen, mehr digitales Kunstwerk als Statistikabbild. Das Programm erstellt einen individuellen Trainingsplan und gibt Empfehlungen zu einer vitalisierenden Ernährung: Bloß keine linksdrehende Milchsäure!

Entstanden ist der Hang zur Selbstoptimierung in den Konzernen und Betrieben – vermutlich als Reaktion auf die so genannten Zielvereinbarungsgespräche, einer der schönsten Euphemismen unserer Zeit, nachdem »Akkord« allmählich aus der Mode kam. Denn nicht jeder hat gleichermaßen den Antrieb, eigene Leistungsreserven bis an die Grenze zum Burnout auszureizen, nur weil der Chef, der sich seit Jahren CEO nennt, unablässig die Gefahren volatiler Märkte beschwört. Um solchen Zeitgenossen die Berufung auf eine ausgewogene Work-Life-Balance auszutreiben, wurde kurzerhand das betriebliche Vorschlagwesen reaktiviert – natürlich unter weniger verstaubten Namen wie Innovationsmanagement. Seitdem forschen Arbeitnehmer selbst, wie sie in immer kürzerer Zeit immer mehr produzieren können und immer weniger Unternehmenskapital dafür brauchen. Von den darauf zurückgehenden Unternehmensgewinnen erhalten sie sogar einen Betrag im zweistelligen Promillebereich als Prämie – sofern sich der Zusammenhang belegen lässt. Die Reserven der eigenen Leistungsfähigkeit, so die Botschaft, sind noch längst nicht ausgereizt.

Da macht es auch nichts, wenn Einige die Demarkationslinie der Selbstaufopferung überschreiten und mit typischen Überlastungssymptomen (Wie lautet doch gleich das Geburtsdatum meiner Kinder? Habe ich überhaupt welche?) monatelang ausfallen. Derartige Kollateralschäden muss eine Organisation im globalisierten Wettbewerb in Kauf nehmen. Den Zurückgebliebenen, deren Wiedereinstieg leider an der technologisch rasanten Weiterentwicklung ihres Arbeitsplatzes scheitert, bleibt immerhin der Trost, sich jetzt wieder intensiv dem eigenen Lauftraining widmen zu können: Potenzial zur Selbstoptimierung bietet sich ja auch hier genug.

Ob wir diese Entwicklung bis zur Erschöpfung ausreizen, liegt auch an uns selbst. Nicht erst das Beispiel VW hat gezeigt, dass Menschen mit enormem Ehrgeiz und Hierarchiedenken ein Unternehmen an die Spitze führen können. Der Preis dafür ist allerdings hoch, nicht nur in monetärem Sinne. Wie so oft gilt auch hier: Weniger wäre mehr gewesen.

 

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