Die Europa-WG

Was, wenn harmonisches Miteinander unser Handeln bestimmte …

Rostock/ Stralsund 1986
Im »anderen« Deutschland, Rostock 1986

Meine gesamte Kindheit und Jugend hindurch herrschte Krieg. Auch wenn es ein sogenannter »Kalter Krieg*« war, kamen dabei Menschen um, nicht wenige davon bei dem Versuch, die Sperranlagen zwischen den beiden deutschen Staaten zu überwinden. Beim Versuch des Systemwechsels also, meist motiviert von dem Wunsch nach einem Leben in größerer Selbstbestimmung und Freiheit.

Die Bedrohung dieses Krieges war für mich, Geschöpf des Unruhe-Jahrgangs ’68, durchaus auszuhalten. Lebte ich doch, dessen war ich sicher, auf der richtigen Seite der »Grenze« und so weit von ihr entfernt, dass »die da drüben« allenfalls merkwürdige, bestimmt aber bedauernswerte Bewohner eines Staates waren, der seinen Bürgern weder Colt Seavers* noch Raider* bieten konnte. Alles in allem ziemlich jämmerlich also.

Erst der Fall der Mauer änderte meinen Blick,

auf die Menschen im »anderen Deutschland«, auf die DDR, auf Europa. Dem Kalten Krieg, aus dem glücklicherweise nie ein heißer wurde, folgte eine europäische Neuordnung, für deren Grundlage Michail Gorbatschow* das ebenso prägende wie heimelige Bild vom gemeinsamen europäischen Haus erfand. Diese Metapher brach so radikal mit der scheinbar zementierten Einteilung der Welt, dass mit jedem Nachdenken darüber mein Respekt vor den Leistungen Gorbatschows steigt.

Die Idee eines europäischen Hauses fand Anhänger auf dem gesamten Kontinent und im November 1990 schon konnte Richtfest gefeiert werden: In Paris wurde damals auch gleich die passende Hausordnung verabschiedet, die man der Größe des Projekts angemessen »Charta von Paris für ein neues Europa« nannte. Demokratie, Freiheit und Menschenrechte werden darin bekräftigt, die Integrität der Grenzen und gewaltfreie Konfliktlösung festgeschrieben. Es war nicht weniger als der Aufbruch in ein neues Zeitalter.

Woher kommt der Neue Nationalismus?

Nur Monate später segnete die Ära, die keine war, das Zeitliche: In Jugoslawien bekämpften* sich die Volksgruppen sprichwörtlich bis aufs Blut, die ehemaligen Westmächte griffen ein, ehe die UN ein (auch von Russland getragenes) Mandat hätten erteilen können. Das war ein Bruch des Völkerrechts, unstrittig. Strittig ist bis heute allerdings, ob er zur Verhinderung (oder besser Eindämmung) einer humanitären Katastrophe gerechtfertigt war.

Das Misstrauen wuchs bald wieder mannshoch, so dass der Blick auf Nachbarn und Partner verdeckt scheint. Genese und Eskalation des aktuellen Ukraine-Konflikts* zeigen exemplarisch, wie wenig die vermeintlichen Partner der Perspektivenübernahme willens oder fähig sind. Und die mangelnde Solidarität unter den europäischen Staaten hinsichtlich der Verteilung schutzsuchender Menschen, die nach Europa flüchten, passt so wenig zum Geist der Charta von Paris wie die Todesstrafe zum Grundgesetz.

Politik ist, was wir draus machen

Das Erstarken nationaler Strömungen angesichts der neuen Herausforderungen ist Ausdruck einer mutlosen, rückwärtsgewandten Politik. Dabei ist der Orientierungsrahmen längst definiert. Deshalb sollten alle, die Lust haben, in das Haus Europa einzuziehen, sich der wegweisenden Vereinbarung vom Herbst 1990 erinnern und die Ideen vertreten: Bei Wahlen, in Gesprächen, bei Demonstrationen. Denn Politik ist immer auch, was wir daraus machen. Zum Beispiel eine Europa-WG, in der das Interesse eines harmonischen Miteinanders das Handeln bestimmt. Selbst wenn es mal Streit über den Abwasch gibt.

 

* Die hinterlegten Links verweisen auf die Begriffserklärungen auf wikipedia.de und sollen nur eine erste Orientierung bieten. Bitte bedenken Sie, dass Wikipedia-Erklärungen auf Community-basiert entstehen und deshalb nicht immer den neusten Stand historischer Forschung widerspiegeln.

 

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