»Die ich rief, die Geister, …«

Leben ohne Smartphone?

(Drei Minuten Lesezeit)

Smartphone: »Daddeln« für die »Medienkompetenz«?
Mobilgeräte sind überall – die Klagen darüber auch

Der Fortschritt ist manchmal ein trügerischer Freund. Was war ich damals froh, als ich Telefongespräche mit Freunden, und erst recht mit Stefanie aus der Parallelklasse, nicht mehr im elterlichen Wohnzimmer führen musste. Ein schnurloser Apparat verlegte das Gespräch, das gleich eine Nuance vertrauter verlief, auf das abgewetzte Sofa meines Zimmers. Als Berufseinsteiger dann ermöglichte mir ein Mobiltelefon, dessen Nutzung mich an die Spitze der elaborierten Menschheit katapultierte, den Zurückgebliebenen am ehemaligen Studienort in aller Ausführlichkeit von den goldenen Zukunftsaussichten eines PR-Volontärs zu berichten. Allein das etwas undurchsichtige Tarifsystem, das natürlich noch keine Flatrate kannte, verkürzte alsbald meine Berichte, weil vom sowieso schon überschaubaren Einstiegsgehalt rasch ein nennenswerter Teil dem Netzbetreiber zugeführt werden musste.

Heute ist eine Welt voller kleiner Bildschirme, die natürlich längst Displays heißen und in jede Hosentasche passen, so selbstverständlich wie ein Kühlschrank oder eine Spülmaschine: Die permanente Verfügbarkeit jener Geräte ist fester Bestandteil des Alltags, die begeisterte Nutzung sowieso. Sie sind omnipräsent – die Klagen darüber allerdings auch.

Smartphone: »Daddeln« für die »Medienkompetenz«?
Smartphone, Tablet: »Daddeln« für die »Medienkompetenz«?

Am lautesten wehen die Klagen der Eltern aus den Schulklassen meiner Kinder zu mir herüber. Meist halbherzig davon überzeugt, dass der Sprössling schon die nötige Reife für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Gerät hat, haben sie sich dem Trend gebeugt, der für eine hundertprozentige Abdeckung unter Viertklässlern spricht, und ein schickes Mobilgerät erworben. Nun kann uns der Filius zumindest anrufen, wenn er die Bahn verpasst, rechtfertigen sie die Anschaffung unter wissentlicher Missachtung der tatsächlichen Nutzungs-Schwerpunkte.

Fortan verzweifeln sie an der monothematischen Freizeitbeschäftigung ihrer Kinder:

Online-Spiele, Simsen (ach nein, ist ja auch schon wieder »Oldschool«; also: »WhatsAppen«!), Videos gucken, ausschließlich über das Mobilgerät. Die ehemalige Familienidylle wandelt sich in eine Tragödie goetheschen Ausmaßes: Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los. Schließlich haben sie das Gerät ja selbst angeschafft! Entlastung verschafft nur noch ein Mantra, dass sie gern und oft vor sich hertragen: Immerhin erlangten die Kinder so eine Medienkompetenz, ohne die ja ein Leben im 21. Jahrhundert quasi unmöglich sei: Daddeln wird in seiner Bedeutung dem Spracherwerb gleichgestellt.

Mein Einwand, dass die Fähigkeit, bei Minecraft virtuelle Steine stapeln zu können, mit Medienkompetenz in etwa so viel zu tun habe wie der Konsum der Realityshow »Richterin Barbara Salesch« mit einem Jurastudium, wird verlegen weggelächelt. Tatsächlich aber berichten sogar »Digital Natives«, dass ihre Problemlösungsfähigkeit mit Neuen Medien kaum über »copy and paste« hinausgehe (Magazin »jetzt« Nr. 6/2015). Echte Medienkompetenz verlangt jedoch weit mehr als der sorglose Download beliebter Online-Games oder das Posten eines Fotos vor der örtlichen Filiale des Fastfood-Restaurants: Eine Auseinandersetzung mit Entstehung, Umsetzung und Grenzen Digitaler Medien.

Zugegeben: Meine Kinder, die so abstinent wie möglich aufwachsen, tröstet das nicht immer. Der Reiz ist groß und sie dürfen ihm auch erliegen, wenn auch begrenzt. Dafür haben sie sich das Interesse an anderen Freizeitbeschäftigungen bewahrt: Mit dem Rad zum Sportplatz, ein Kinobesuch mit Freunden, sogar ein Besuch im Museum sind noch immer attraktiv. Oder ein Brettspielabend am Küchentisch – fast schon ein Familienidyll.

 

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