Mehr Dialog wagen

Tauscht Argumente statt Parolen zu brüllen!

Reden können wir alle – aber führen wir auch einen Dialog?
Reden können wir alle – aber führen wir auch einen Dialog?

Günther Jauch kann vielleicht gar nichts dafür. Er scheint ein netter Mensch zu sein, ich hatte das – nunja – Vergnügen, ihm bei einer seiner letzten Talkshows im Gasometer zuzusehen. Er plauderte charmant mit dem Publikum und wirkte entspannt, aber fokussiert. Nur die anschließende Talkrunde, die sich unvermeidlicherweise dem Schicksal Deutschlands angesichts der Flüchtlingszahlen widmete, gelang es ihm nicht zu leiten. Seine Schuld? Wohl eher nicht.

Die vier, fünf Gäste um Jauch herum nutzten die Präsenz der Kameras und damit den vieltausendfachen Multiplikationseffekt, um ihre Botschaft in die Wohnzimmer der Zuschauer zu tragen. In nur geringer Variation wiederholte jeder sein Statement. Nur zuhören, abwägen und antworten, also einen Dialog führen, das wollte an diesem Abend offenbar keiner.

Geschenkt, sagen wir uns, schließlich wissen wir, was wir von Talkrunden im Fernsehen erwarten dürfen. Aber ist das eine Ausnahme? Oder doch schon ein Befund?

Streitkultur oder Schreikultur?

Den »Wutbürgern«, die eigentlich Angstbürger heißen müssten und in Dresden, Leipzig und vielen anderen Städten Montag für Montag gegen »Überfremdung« und »Lügenpresse« wettern, ist die Fähigkeit zur Differenzierung schon lange abhanden gekommen. Wir auf der »anderen Seite« winken ab und sind uns sicher, es mit latent Rechtsradikalen zu tun zu haben. Argumente tauschen beide Seiten längst nicht mehr aus. Es ist ja viel leichter, sich gegenseitig Parolen ins Gesicht zu brüllen. Da muss ich meinen Standpunkt wenigstens nicht hinterfragen.

Dabei käme es genau darauf an: sich auf einen Dialog einzulassen. Und damit auf nichts weniger als auf einen gleichberechtigten Informationsaustausch mit Rede und Gegenrede und dem Zweck des Kennenlernens der gegenseitigen Standpunkte. Daran aber mangelt es fast allen Diskussionen – und beileibe nicht nur den medial inszenierten. Jeder Blick auf die Kommunikations»kultur« in den zahllosen Online-Foren kann hierfür leider als Beleg herhalten.

Kultur beginnt im eigenen Umfeld

Und wie halten wir es selbst in unseren Gesprächen im Freundes- und Bekanntenkreis? Im Austausch mit Lehrern, Nachbarn oder im familiären Umfeld? Das ernsthafte Interesse, den anderen Standpunkt kennenzulernen, scheint auch dabei – sagen wir mal – ausbaufähig. Sicher, für seine Überzeugungen zu streiten, auch gegen Widerstände, ist aller Ehren wert und soll nicht in Frage gestellt werden. »Meinungsfest« ist keine Beleidigung, aber auch kein Wert an sich. Und doch dominieren in Gesprächsrunden nicht selten Personen, die lauter und selbstsicherer als der Rest ihre Ansichten formulieren. Dabei beraubt man sich mit der abnehmenden Bereitschaft, die Argumente des Gegenübers anzunehmen, auch der Möglichkeit eines weiteren Erkenntnisgewinns.

Es ist womöglich kein Zufall, dass uns Platons Werk überwiegend in Dialogform überliefert ist. In der Auseinandersetzung mit Für und Wider sah er die Grundlage für ein richtiges und ethisch begründetes Handeln. Sein Ziel (und seine Überzeugung) war es, auf dem Wege der rationalen Argumentation zu gesichertem Wissen zu gelangen, das allen zugänglich ist, sofern sie bereit sind, sich auf ein geordnetes Zwiegespräch aus Fragen und Antworten einzulassen. Das muss man nicht auf die Spitze treiben. Wenn wir aber an einer einvernehmlichen Lösung interessiert sind, ist ein ernsthafter Dialog allemal ein vielversprechender Weg.

Das Schöne dabei: Wir alle können dafür ein Beispiel geben – Tag für Tag. Sonst dominieren bald die Lauten und Krawallmacher, nicht nur in Dresden oder Leipzig.

 

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