Zivilisation, unvollendet

Wie geht es weiter mit der Emanzipation?

Wieviel »Quote« braucht unsere Gesellschaft noch, bis Gleichberechtigung als »normal« gilt?
Wieviel »Quote« braucht unsere Gesellschaft noch, bis Gleichberechtigung als »normal« gilt?

Geht Ihnen der Gender-Diskurs auch so gewaltig auf den Geist? Diese ewig unzufriedenen Frauen, deren immergleiches Mantra »Quote« lautet und die – so ist anzunehmen – mit ihrem Gequengel nicht eher ruhen, bis auch wir Männer Kinder kriegen. Jetzt läuft auch noch »Suffragette« in den Kinos, ein heroisierendes Filmchen über Frauenrechtler, ’tschuldigung: Frauenrechtlerinnen, den nicht nur die Presse als »erstaunlich aktuell« beschreibt. Und damit leider Recht hat.

Kaum Frauen in Führungspositionen

Denn natürlich ist eine Gleichberechtigung der Geschlechter bei uns längst nicht erreicht. Die Benachteiligungen haben System, sind tief verwurzelt in unserer Gesellschaft und beileibe kein Randphänomen. Dass Frauen bei gleicher Ausbildung für gleiche Leistung noch immer fast neun Prozent* weniger verdienen als männliche Kollegen, wird nicht weniger skandalös dadurch, dass sich scheinbar nur wenige darüber empören. Auf höherer Ebene fällt das ja auch kaum ins Gewicht: Von 192 Vorstandssesseln in den DAX-Unternehmen sind 176 von Männern besetzt, lachhafte acht Prozent verbleiben für Frauen (Stand Juni 2015).

Man muss keine militante Feministin sein, um diese Zahlen ungeheuerlich, einer modernen Gesellschaft unwürdig oder zumindest fragwürdig zu finden. Man muss auch nicht Judith Butlers Thesen** mit der Muttermilch verinnerlicht haben, um diskriminierende Rollenklischees und sexistische Tendenzen in Werbung und Gesellschaft wahrzunehmen. Doch warum geschieht das so selten? Und wenn doch, warum erfolgt kein Aufschrei? Weil wir – achtung: Jetzt wird’s grundsätzlich – diesen vielleicht letzten wichtigen Zivilisationsschritt noch nicht gegangen sind! Weil wir uns auf diesen unverzichtbaren Teil des aufgeklärten Denkens, auf das wir uns gerne so viel einbilden, weder formal noch intuitiv eingelassen haben.

Dieser Befund trifft all jene hart, die sich in ihrem Überlegenheitsgefühl anderen Kulturen gegenüber so bequem eingerichtet haben. Dabei fehlt uns in der breiten Mehrheit die selbstverständliche Überzeugung, dass beide Geschlechter in Ansehen und Rechten völlig gleichgestellt sein könnten. Dahin scheint es noch ein weiter Weg: Selbst Frauen finden es selbstverständlich, sich in Fernsehshows fragwürdigen Unterwerfungsritualen auszusetzen, solange genug Zuschauer sie als schön und sexy feiern. Die Säulenheilige »deutsche Mutter« entscheidet sich gern für ein, zwei Jahre Elternzeit (und lässt dabei vielfach berufliche Ambitionen fahren), weil ihrem Mann das Windelwechseln nicht zuzumuten sei. Der geht, so bestärkt, gern für ein paar Überstunden ins Büro, der Karriere kann das nur förderlich sein. Dem Unternehmen schadet dieses Vorgehen allerdings: Eben erst hat eine Studie aus den USA gezeigt, dass Firmen von einer Geschlechter-Gleichstellung unmittelbar profitieren. Dort wurde als Faustformel ermittelt, dass die Profitabilität um 15 Prozent steigt, wenn der Anteil weiblicher Führungskräfte von 0 auf 30 Prozent wächst (SZ vom 10.02.2016).

Dann muss es die Politik richten! Von wegen: Wird wieder einmal über die politischen Mehrheiten im Land abgestimmt, machen Männer (und Frauen!) gern ihr Kreuz bei der CDU/CSU, deren Vertreter, namentlich Volker Kauder und Horst Seehofer, noch 1997 gegen den Straftatbestand »Vergewaltigung in der Ehe« stimmten. Man bleibt fassungslos zurück!

Notwendige (Zivilisations-)Schritte

Niemand sollte sich für echte Gleichstellung verbiegen müssen.
Niemand sollte sich für echte Gleichstellung verbiegen müssen.***

Ein weiter Weg also. Vielleicht weiter noch als vor zwei, drei Jahrzehnten, als das Bewusstsein für volle Gleichberechtigung mir ausgeprägter schien, auch weil mehr Frauen sich lautstark dafür einsetzten. Selbst das Beispiel einer Bundeskanzlerin kann heute nicht verhindern, dass Geschlechterrollen sich wieder zementieren. Doch scheint mir gerade das ein wichtiger Impuls, um den notwendigen (Zivilisations-)Schritt zu gehen: Wir brauchen Beispiele, die den Heidi Klums, den Erdogans, den katholischen Kirchenvertretern einen selbstverständlichen und selbstbewussten Lebensentwurf entgegensetzen, der anderen zum Vorbild taugt. Wir brauchen Frauen, die gerne Mutter sind, in ihrer Freizeit, und werktags ihr Kind mit gutem Gewissen bei Papa oder der Tagesmutter lassen. Die »Nein!« sagen zu Magerwahn, zu den pervertierten Verheißungen einer sogenannten »Schönheitsindustrie« und zu längst überkommenen Rollenklischees, denen rechtskonservative Gruppen wie die »AfD« so gern neues Leben einhauchen würden. Vor allem aber brauchen wir Männer, die Frauen nicht mehr nur auf ihr Äußeres reduzieren. Die den alltäglichen Sexismus aus ihrem Sprachgebrauch verbannen. Und die eintreten für echte Gleichberechtigung. Vielleicht mit einer Unterstützung der UN-Kampagne HeForShe. Ich bin schon dabei.

* Quelle: Statistisches Bundesamt, 2013
** Judith Butler: »Gender Trouble: Feminism and the Subversion of Identity«, New York 1990
*** Foto von Werner Musterer aus einer Serie von Portraits mit einer Großformat-Scannerkamera aus dem Jahr 1999

 

#Gleichberechtigung #Emanzipation #Gender-Diskurs #Quote #Sexismus